Die Identität der Charismatischen Erneuerung

Verena Lang

Die Charismatische Erneuerung – kurz CE – verdankt ihre Entstehung dem Heiligen Geist und ist ein Geschenk Gottes an die Christenheit und die Welt, um die Menschen auf das 2. Kommen Jesu MK. 13,32 vorzubereiten. Die Identität der CE lässt sich mit vier Begriffen (den vier „E“s) zusammenfassen, wobei das

 

1. „E“ = EMPFANGEN

 

eine Grundvoraussetzung ist, mit dem Heiligen Geist erfüllt zu werden. Oswald Chambers meint, dass wir zuerst „die Offenbarung, dass Gott da ist, in Empfang nehmen müssen und dass die Haltung eines Glaubenden in einem ständigen In-Empfang nehmen des Heiligen Geistes besteht.“1 Im Pfingsthymnus „Veni creator“ heißt es: „Komm, besuche, erfülle!“

Ein wesentliches Element der CE wird als Geisttaufe oder auch Taufe im Heiligen Geist,2 Erfüllung mit dem Heiligen Geist, Ausgießung des Heiligen Geistes, persönliche Pfingsterfahrung bezeichnet. Vgl. Apg 2,1-4.

 

2. „E“ = ERNEUERUNG

 

von Kirche und Gesellschaft. Der Empfang dieser Gnade bewirkt zunächst Erneuerung des Einzelnen und in der Folge die Erneuerung von Kirche und Gesellschaft. Das geschieht durch:

  • persönliche Beziehung zu Jesus Christus als meinen Herrn und Erlöser
  • eine vertrauensvolle Beziehung zum Vater, in der Angst machende Gottesvorstellungen überwunden werden3
  • ein Leben aus der Kraft des innewohnenden Heiligen Geistes, der im Getauften betet und handelt
  • Betroffenheit vom und Freude am Wort Gottes
  • ein tiefes Bewusstsein der heilenden Liebe Jesu in den Sakramenten der Kirche
  • Vergebungs-, Versöhnungsbereitschaft
  • Hingabe an den Willen Gottes
  • Bereitschaft, die Charismen4, von denen die Bibel und das II. Vatikanum sprechen, anzunehmen und zum Aufbau der Kirche einzusetzen (vgl. Lumen Gentium, Kap. 12,4)
  • Jüngerschaft gemäß dem Auftrag Jesu in Mt 28,19
  • Liebe zum jüdischen Volk, indem wir es segnen und für den Frieden von Jerusalem beten.
  • Wahrnehmen der Auferstehung des judenchristlichen Teiles der Kirche (vgl. Eph 2,12-14) mit allen Folgen für das Bild der Kirche;5
  • aus einer tiefen Sehnsucht nach Einheit im Leib Christi aktives Mitwirken an ihrer Verwirklichung um aus einer vorwiegend auf die Kirche zentrierten Sicht zu einer vorrangig an Christus orientierten Sicht zu kommen.

 

3. „E“ = EINHEIT

 

beinhaltet das Streben nach und das Bemühen um sichtbare Einheit des Leibes Christi, um so die „Braut Christi“ – die Kirche zu bereiten (vgl. Eph 5,27). Durch diese tiefe Sehnsucht nach Einheit im Leib Christi wenden wir uns auch Christen und christlichen Gemeinschaften anderer Konfessionen zu, nicht um dorthin zu wechseln, sondern um Empfangenes weiterzugeben und von ihnen, das was uns fehlt, zu empfangen.

 

4. „E“ = EVANGELISATION

 

Das Wort Jesu „Geht hinaus in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern...“ (Mt 28,19) ist uns Auftrag. „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg 4,20)



  

Anmerkungen

1Oswald Chambers, Mein Äußerstes für sein Höchstes, 27. Mai, S.148.

2Immer wieder wird die Frage gestellt, was mit dem Begriff „Taufe im Heiligen Geiste“ gemeint ist. Das Argument vieler ist: Wir haben doch den Heiligen Geist bei der Taufe und Firmung empfangen! Schon in der Apostelgeschichte wird uns berichtet, dass die Menschen zu Pfingsten den Heiligen Geist empfangen hatten, aber wenig später gab es eine Art zweites Pfingsten auch für einige Apostel, die bei der ersten Geistausgießung schon dabei waren APG. 4,31. Es ist eine Tatsache, dass ein neues Pfingsten im Gange ist. VGL. DAZU DIE GESCHICHTE DER GEISTAUSGIESSUNG IM 20. JHDT. Bei der Geisttaufe handelt es sich um eine Erneuerung der ganzen christlichen Initiation, nicht nur der Taufe. Gott kann diese Gnade unerwartet Menschen schenken oder während so genannter „Leben-im-Geist-Seminare‘‚, „Alphaglaubenskursen“ oder anderen Treffen, wo gebetet wird, durch den Heiligen Geist mit dieser Gnade erfüllt zu werden. Obwohl die Gotteserfahrung jedes Menschen einzigartig ist, können wir doch innerhalb der Charismatischen Erneuerung den Moment einer tiefen Umkehr feststellen, wo der Mensch in eine tiefere geistliche Dimension geführt wird.

3Zu einigen der folgend genannten Punkte vgl. „Miteinander auf dem Weg“, hrsg. vom Zentralkomitee deutscher Katholiken, Nov. 1995.


4„Charis“ (griechisch) bedeutet Gabe, Geschenk, Gnade. Charismen sind also „gratis“ verliehene Gaben (Fähigkeiten, Talente) des Heiligen Geistes. P. Cantalamessa weist in seinem Buch „Komm, Schöpfer Geist“ darauf hin, dass die Charismen von den „7 Gaben des Heiligen Geistes“ JES. 11,1-3, wie sie uns bei der Firmung zugesprochen werden, zu unterscheiden sind (ebd. 202). Diese sind allgemein und für alle gleich und dienen der persönlichen Heiligung.

Die Charismen hingegen sind geschenkt, „damit sie anderen nützen“ (1 Kor 12,7), „zum Dienst an der Gemeinde“ (vgl. 1 Petr 4,10), „zum Aufbau des Leibes Christi“ (vgl. 1 Kor. 14,12; Eph 4,7.12. Sie sind „einem“ oder „einigen“ im Besonderen verliehen, nicht allen in gleicher Weise. Die Charismen hatten im Leben der Urkirche ihren festen Platz, sind jedoch im Laufe der Kirchengeschichte immer mehr „...aus dem ihnen eigenen Bereich der Gemeinschaft, des allgemeinen Nutzens und des Aufbaus der Kirche in den privaten und persönlichen Bereich verbannt worden“ (vgl. Cantalamessa, Komm Schöpfer Geist, 211). Erst durch die Geistausgießung im 20. Jhd. wurden Menschen wieder bereit, die Charismen anzunehmen und zugleich befähigt, sie zum Dienst an und zum Aufbau des Leibes Christi auszuüben.

So benennen der 1. Korintherbrief Kap. 12-14 und der Römerbrief Kap. 12 eine Vielzahl von Gaben, die der Heilige Geist schenkt: Erkenntnis vermitteln, prophetisch reden, heilen, trösten, ermahnen, lehren, Barmherzigkeit üben, Zungenrede (Sprachengabe) und vieles mehr.

Kardinal Suenens ist es zu verdanken, dass die Charismen beim II. Vaticanum in die Konzilstexte aufgenommen wurden. Im Dokument Lumen gentium Nr. 12 heißt es:

„Der Heilige Geist... teilt den Einzelnen, wie er will (1 Kor 12,11), seine Gaben aus und verteilt unter den Gläubigen jeglichen Standes auch besondere Gnaden. Durch diese macht er sie geeignet und bereit, für die Erneuerung und den vollen Aufbau der Kirche verschiedene Werke und Dienste zu übernehmen gemäß dem Wort. „Jedem wird der Erweis des Geistes zum Nutzen gegeben“ (1 Kor 12,7). Solche Gnadengaben, ob sie nun von besonderer Leuchtkraft oder aber schlichter und allgemeiner verbreitet sind, müssen mit Dank und Trost angenommen werden, da sie den Nöten der Kirche besonders angepasst und nützlich sind.“

5Vgl. Röm 11,16 ff. und darin das Bild vom Ölbaum.

Der Text wurde entnommen aus: Charismatische Erneuerung – Wesen und Auftrag. Hrsg. vom Österreichischen Leitungsdienst der Charismatischen Erneuerung, 2009, 10-12. Verena Lang war zusammen mit ihrem Ehemann Hans Peter viele Jahre im Leitungsdienst der Charismatischen Erneuerung Österreichs.